ADHS im Erwachsenenalter -
Mode-Diagnose oder lange übersehen?
In den letzten Jahren ist das Thema ADHS im Erwachsenenalter deutlich sichtbarer geworden. Auf Social Media berichten Influencerinnen und Influencer offen über ihre Diagnose, Podcasts greifen das Thema auf, und immer mehr Erwachsene stellen sich die Frage: „Könnte ich betroffen sein?“
Manche sprechen bereits von einer „Mode-Diagnose“. Doch ist ADHS im Erwachsenenalter tatsächlich ein Trend – oder handelt es sich vielmehr um eine lange unterschätzte und häufig übersehene neurobiologische Störung?
Warum ADHS im Erwachsenenalter heute häufiger erkannt wird
ADHS ist keine neue Störung. Sie wurde bereits im 19. Jahrhundert beschrieben. Lange Zeit ging man jedoch davon aus, dass sich die Symptomatik „auswächst“. Heute wissen wir: Bei einem erheblichen Teil der Betroffenen bestehen die Symptome auch im Erwachsenenalter fort.
Was sich verändert hat, ist nicht die Häufigkeit der Störung, sondern die Wahrnehmung.
Mehrere Faktoren tragen zur gestiegenen Sichtbarkeit bei:
• zunehmende wissenschaftliche Forschung
• bessere diagnostische Kriterien
• öffentliche Erfahrungsberichte
• Enttabuisierung psychischer Erkrankungen
• soziale Medien und Influencer, die offen über ihre Diagnose sprechen
Diese Sichtbarkeit führt dazu, dass sich viele Erwachsene erstmals mit ihren eigenen Symptomen auseinandersetzen.
Eine fachlich fundierte ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter ist entscheidend, um Über- und Fehldiagnosen zu vermeiden.
Ist ADHS im Erwachsenenalter eine Mode-Diagnose?
Die Wahrnehmung einer „Mode-Diagnose“ entsteht häufig dann, wenn eine Erkrankung plötzlich gesellschaftlich präsenter wird. Ähnliches war bei Depressionen oder Burnout zu beobachten.
Wissenschaftlich betrachtet sprechen die Daten jedoch nicht für eine Überdiagnostik, sondern eher für eine langjährige Unterversorgung.
Internationale Studien gehen von einer Prävalenz von etwa 2–4 % bei Erwachsenen aus. In Deutschland liegt die offiziell dokumentierte Diagnoserate deutlich darunter. Das bedeutet: Ein erheblicher Anteil der Betroffenen bleibt unerkannt oder erhält andere Diagnosen, etwa Depression, Angststörung oder Persönlichkeitsakzentuierungen.
ADHS im Erwachsenenalter ist daher weniger eine Modeerscheinung als vielmehr ein lange unterschätztes Störungsbild.
Warum Aufklärung so wichtig ist
Unbehandelte ADHS kann mit erheblichen Belastungen verbunden sein:
• chronisches Aufschiebeverhalten
• berufliche Instabilität trotz hoher Intelligenz
• emotionale Dysregulation
• innere Unruhe
• erhöhte Stressanfälligkeit
• Selbstwertprobleme
Viele Betroffene berichten von jahrzehntelangem „sich nicht erklären können“.
Öffentliche Erfahrungsberichte, auch von bekannten Persönlichkeiten, können daher auch eine wichtige Funktion erfüllen: Sie schaffen Identifikationsmöglichkeiten, reduzieren Scham und motivieren zur Abklärung.
Sichtbarkeit bedeutet nicht Bagatellisierung.
Sichtbarkeit bedeutet Zugang zu Information.
Zwischen Selbstdiagnose und fachlicher Abklärung
Gleichzeitig ist wichtig: Nicht jedes Konzentrationsproblem ist ADHS.
Eine seriöse Diagnostik im Erwachsenenalter umfasst:
• ausführliches klinisches Interview
• Erhebung der Entwicklungsgeschichte
• standardisierte Testverfahren
• differenzialdiagnostische Abgrenzung
• sorgfältige Einordnung von Komorbiditäten
Erst die strukturierte diagnostische Einordnung schafft Klarheit, unabhängig davon, ob sich der Verdacht bestätigt oder nicht.
Fazit: Mehr Sichtbarkeit heißt nicht mehr Mode, sondern mehr Zugang
Die gestiegene öffentliche Präsenz von ADHS im Erwachsenenalter ist kein Beleg für eine Mode-Diagnose. Sie ist vielmehr Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung hin zu mehr Offenheit im Umgang mit psychischer Gesundheit.
Die Herausforderung besteht nicht darin, das Thema zu relativieren, sondern darin, fachlich fundierte Aufklärung mit sorgfältiger Diagnostik zu verbinden.
Nur so können Fehldiagnosen vermieden und Betroffene angemessen unterstützt werden.
Wenn Sie sich in den beschriebenen Punkten wiedererkennen oder eine fachliche Abklärung wünschen, finden Sie hier weiterführende Informationen zur strukturierten ADHS-Diagnostik für Erwachsene in München oder online.